PURE SOUND von Burmester: Wenn Musik so nah wie möglich am Original bleibt...

Wie lässt sich Musik so bewahren, dass möglichst wenig von der ursprünglichen Aufnahme und ihrer Emotionalität verloren geht? Diese Frage steht im Mittelpunkt von PURE SOUND, einem besonderen Projekt des Berliner High-End-Herstellers Burmester. In Folge 0151 des Vinyl & … Podcasts spreche ich mit Jan Hildebrandt und Anna Siewert von Burmester über die Idee hinter PURE SOUND, direkt geschnittene Master Recordings, authentische Liveaufnahmen und die Förderung junger Musikerinnen und Musiker. Außerdem packe ich die Mastercut-Edition von Billie Holidays Songs for Distingué Lovers aus und vergleiche sie klanglich mit einer konventionellen Pressung...

PLATTEN-KRITIKHI-FI & TECHNIK

Timo Klingelhöfer

8/12/20267 min read

Die Menschen hinter Burmester

Jan Hildebrandt arbeitet seit mehr als vier Jahren im Außendienst und Vertrieb von Burmester. Er betreut Händler, Veranstaltungen und Endkunden und versucht dabei, die technische und die emotionale Seite von Hi-Fi zusammenzubringen.

Seine Begeisterung für Musik begann bereits in der Kindheit. Später folgten die erste eigene Anlage, der Plattenspieler seines Vaters und schließlich der berufliche Einstieg in die Hi-Fi-Branche. Seit 2015 ist Jan im Hi-Fi-Vertrieb tätig. Schallplatten sind für ihn bis heute ein wichtiger Bestandteil des Musikhörens – nicht als bloßes Sammelobjekt, sondern als sinnliche Ergänzung zum eigentlichen Musikerlebnis.

Anna Siewert ist seit 2019 bei Burmester und verantwortet den Bereich Kommunikationsdesign. Gemeinsam mit ihrem Team gestaltet sie unter anderem Produktinformationen, visuelle Auftritte und Inhalte für die Website. Musik wurde durch ihre Arbeit bei Burmester auch für sie immer stärker zu einer persönlichen Herzensangelegenheit.

Beide beschreiben Burmester nicht allein als Hersteller hochwertiger Audiokomponenten. Im Zentrum der Marke stehe vielmehr die Leidenschaft für Musik und der Anspruch, deren emotionale Wirkung möglichst unverfälscht wiederzugeben.

Vom Verstärker zur musikalischen Vision

Die Geschichte von Burmester begann 1977. Firmengründer Dieter Burmester war mit einem vorhandenen Verstärker unzufrieden und entschied sich, selbst eine bessere Lösung zu entwickeln. Seine technische Neugier verband sich dabei mit seiner eigenen Erfahrung als Musiker.

Dieser ursprüngliche Anspruch prägt die Marke bis heute: Klarheit, Präzision und die möglichst unmittelbare Wiedergabe von Musik. Dabei soll die Technik nicht im Vordergrund stehen. Im Idealfall tritt sie zurück und schafft Raum für die emotionale Wirkung der Aufnahme.

Genau hier setzt PURE SOUND an.

Was ist PURE SOUND?

PURE SOUND begann als eigenständiges Projekt und entwickelte sich zu einer übergeordneten Idee. Im Mittelpunkt steht die Suche nach dem kürzesten und unmittelbarsten Weg zwischen dem Moment, in dem Musik entsteht, und dem späteren Hörerlebnis.

Dabei geht es um zwei zentrale Fragen:

Wie nah kann eine Wiedergabe an das Original herankommen? Und wie lassen sich Signal- und Emotionsverluste auf diesem Weg möglichst vermeiden?

PURE SOUND versteht sich deshalb als eine Art musikalische Forschungsreise. Gleichzeitig geht es Burmester um den Erhalt von Musikkultur und die Förderung junger Talente.

Das Projekt gliedert sich in drei Bereiche:

  • Mastercut- beziehungsweise Master-Recording-Editionen,

  • Live Recordings

  • und die Förderung junger Musikerinnen und Musiker.

Alle drei Bereiche verfolgen auf unterschiedliche Weise dasselbe Ziel: Musik nicht nur technisch hochwertig, sondern auch in ihrer ursprünglichen emotionalen Wirkung zu erhalten.

Master Recordings: direkt vom Originalband auf Lack

Ein besonders faszinierender Teil des Projekts sind die limitierten Mastercut-Editionen. Dazu gehören bislang Oscar Petersons We Get Requests und Billie Holidays Songs for Distingué Lovers.

Ausgangspunkt ist das originale analoge Masterband. Dieses wird in einer spezialisierten Werkstatt in Wien auf einer historischen Bandmaschine abgespielt. Nur wenige Meter entfernt befindet sich die Schneidemaschine, welche das Signal unmittelbar und in Echtzeit in eine Lackplatte schneidet.

Es gibt dabei keinen zusätzlichen Umweg über ein digitales Zwischenformat und kein nachträgliches Remastering. Jede einzelne Seite wird direkt vom Masterband auf den Lackrohling übertragen. Auch die Pausen zwischen den Titeln müssen während des Schneidens manuell gesetzt werden.

Für jeden Schnitt gibt es nur einen Versuch. Kommt es während der Übertragung zu einer Störung, muss die Seite mit einem neuen Rohling noch einmal vollständig angefertigt werden.

Diese Produktionsweise unterscheidet sich grundlegend von der gewöhnlichen Schallplattenherstellung. Normalerweise dient eine geschnittene Lackplatte als Vorlage für weitere Matrizen, mit denen anschließend eine größere Stückzahl Vinyl gepresst wird. Bei den PURE SOUND Mastercuts ist die individuell geschnittene Lackplatte selbst das Endprodukt.

Analoge Handarbeit bis zum Cover

Der analoge Gedanke endet nicht bei der Tonaufzeichnung. Die gesamte Gestaltung wird als Teil des Erlebnisses verstanden.

Die hochwertigen Lackrohlinge stammen nach Aussage von Burmester aus einer der letzten darauf spezialisierten Manufakturen in Japan. In Wien werden sie einzeln geschnitten. Die Cover entstehen im Siebdruck und werden mit historischen Maschinen geprägt. Selbst die beiliegenden Booklets werden von Hand genäht.

Das Booklet enthält Informationen zur Entstehung der Edition, zur ursprünglichen Aufnahmesituation und zu den einzelnen Titeln. Der Schuber wiederum wird von einer kleinen Berliner Verpackungsmanufaktur hergestellt.

So entsteht kein gewöhnlicher Tonträger, sondern ein aufwendig gefertigtes Sammlerstück, bei dem Klang, Material und Gestaltung eine Einheit bilden.

Warum sind die Editionen auf 333 Exemplare limitiert?

Jede Mastercut-Edition ist auf 333 einzeln angefertigte Exemplare begrenzt. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Zum einen ist die Nutzung der historischen Masterbänder lizenzrechtlich beschränkt. Zum anderen verlangt der Herstellungsprozess viel Zeit und Handarbeit. Jede Seite muss in Echtzeit geschnitten werden. Hinzu kommen die seltenen Lackrohlinge, mögliche Fehlversuche, die manuelle Fertigung der Verpackung und die umfangreichen Lizenzkosten.

Die Auswahl eines Albums erfolgt ebenfalls nicht kurzfristig. Zunächst werden mögliche Aufnahmen ausgewählt und Probeschnitte angefertigt. Diese werden mehrfach gehört und im Team diskutiert. Entscheidend ist nicht nur die technische Qualität, sondern auch die Frage, ob die Aufnahme jene musikalische Tiefe vermittelt, für die das Projekt stehen soll.

Eine weitere Edition wird bei Burmester bereits erwogen. Welches Album dafür infrage kommt, wurde in unserem Gespräch allerdings noch nicht verraten.

Live Recordings: Der eine unwiederholbare Moment

Bei den Live Recordings richtet sich der Blick nicht in die Vergangenheit, sondern direkt auf den Moment der musikalischen Entstehung. Burmester experimentiert dabei unter anderem mit Direct-to-Tape- und Direct-to-Disc-Aufnahmen.

Eine nachträgliche Korrektur ist bei solchen Direktaufnahmen kaum oder gar nicht möglich. Was die Musikerinnen und Musiker in diesem Moment spielen, wird unmittelbar festgehalten. Diese Situation verlangt Mut, Konzentration und Vertrauen.

Gerade diese Unmittelbarkeit macht den besonderen Reiz aus. Kleine Unvollkommenheiten werden nicht als Fehler verstanden, sondern als Teil einer lebendigen und authentischen Aufführung.

Ein Beispiel ist eine Aufnahme mit der Sängerin Malia. In einer intimen Atmosphäre, die an ein Wohnzimmerkonzert erinnert, wurde ihr Auftritt direkt aufgezeichnet. Anschließend hörte sie die entstandene Aufnahme gemeinsam mit den Anwesenden ab.

Dabei entstand ein ungewöhnlicher Moment: Das Konzert war bereits vorbei, fühlte sich beim unmittelbaren Abspielen aber noch immer gegenwärtig an. Die Künstlerin saß im Publikum – und gleichzeitig schien ihre Stimme weiterhin im Raum zu stehen.

Junge Talente und der Erhalt von Musikkultur

PURE SOUND beschäftigt sich nicht nur mit historischen Masterbändern und etablierten Künstlern. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Förderung junger Musikerinnen und Musiker.

Burmester unterstützt unter anderem junge Streicherinnen und Streicher der Karajan-Akademie mit Stipendien. Fünf Talente der Akademie nahmen außerdem an einem Live Recording teil und konnten so eine Aufnahmesituation erleben, in der jeder gespielte Ton unmittelbar und dauerhaft festgehalten wurde.

Darüber hinaus unterstützte Burmester im Rahmen der Young Euro Classic das Afghan Youth Orchestra. Das im portugiesischen Exil lebende Jugendorchester erhielt dadurch die Möglichkeit, auf einer großen Bühne aufzutreten.

Die Förderung junger Talente erweitert PURE SOUND um eine wichtige gesellschaftliche Dimension. Musik soll nicht nur möglichst originalgetreu wiedergegeben werden. Es geht ebenso darum, musikalische Kultur zu erhalten und einer neuen Generation professionelle Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen.

Billie Holiday: Songs for Distingué Lovers

Im Mittelpunkt meines persönlichen Hörtests stand Billie Holidays Album Songs for Distingué Lovers. Das Original wurde 1957 aufgenommen und zählt zu den bedeutenden Werken ihrer späteren Schaffensphase.

Die reduzierten und intimen Arrangements setzen Holidays unverwechselbare Stimme in den Mittelpunkt. Ihre Stimme war zu diesem Zeitpunkt bereits von ihrem schwierigen Leben gezeichnet. Gerade diese Fragilität, das besondere Timing und die emotionale Tiefe machen die Aufnahme so eindringlich.

Das Album enthält bekannte Standards wie:

  • Day In, Day Out,

  • A Foggy Day,

  • One for My Baby (and One More for the Road),

  • Just One of Those Things

  • und Stars Fell on Alabama.

Da sich bereits seit längerer Zeit eine konventionelle Ausgabe des Albums in meiner Sammlung befindet, konnte ich beide Versionen unmittelbar miteinander vergleichen.

Der Hörvergleich mit einer konventionellen Pressung

Bei meiner bisherigen Ausgabe hatte ich ein deutliches Grundrauschen immer als Teil einer alten Aufnahme akzeptiert. Einige Instrumente wirkten schrill, Billie Holidays Stimme zeigte hörbare Zischlaute und klang stellenweise ebenfalls unangenehm scharf. Ich war davon ausgegangen, dass diese Eigenschaften zum historischen Ausgangsmaterial gehörten.

Der PURE SOUND Mastercut veränderte diesen Eindruck grundlegend.

Das Rauschen trat deutlich in den Hintergrund, ohne dass der historische Charakter der Aufnahme verloren ging. Die Instrumente klangen natürlicher und weniger scharf. Auch die Stimme wirkte ruhiger und unmittelbarer. Zischlaute, die mich bei der anderen Ausgabe störten, drängten sich nicht mehr in den Vordergrund.

Vor allem aber veränderte sich die räumliche Wirkung. Die Bühne erschien ausgewogen und die Musik gewann an Direktheit. Es entstand beinahe der Eindruck, Billie Holiday befände sich mit den Musikern im selben Raum.

Das Ergebnis war nicht einfach nur „mehr Detail“. Der entscheidende Unterschied lag in der Entspannung beim Hören. Nichts lenkte von der Musik ab. Ich musste nicht darüber nachdenken, ob eine bestimmte Schärfe vom Tonträger, von der Aufnahme oder von der Anlage verursacht wurde. Stattdessen konnte ich mich vollständig auf das Album einlassen.

Natürlich bleibt diese Wahrnehmung subjektiv und hängt auch von der verwendeten Anlage ab. Für mich zeigte der Vergleich jedoch eindrucksvoll, wie viel Information in einem Masterband aus dem Jahr 1957 noch vorhanden sein kann, wenn der Übertragungsweg möglichst kurz gehalten wird.

Mehr als eine besonders teure Schallplatte

Eine PURE SOUND Mastercut-Edition ist kein Tonträger für das beiläufige Hören. Schon das Öffnen des versiegelten Schubers, das Anziehen der mitgelieferten Handschuhe und das Lesen des handgenähten Booklets machen daraus ein bewusst inszeniertes Ritual.

Diese Form der Präsentation wird nicht jedem wichtig sein. Auch musikalische Vorlieben und die Bereitschaft, für einen solchen Herstellungsaufwand einen entsprechend hohen Preis zu bezahlen, bleiben individuell.

Wer sich jedoch für analoge Aufnahmetechnik, historische Masterbänder und außergewöhnliche Tonträger interessiert, erhält einen seltenen Einblick in das klanglich und handwerklich Machbare. Die Edition steht damit irgendwo zwischen Musikalbum, Klangdokument und Sammlerobjekt.

Fazit: PURE SOUND als Reise zur Essenz der Musik

PURE SOUND zeigt, dass High End nicht nur eine Frage von Geräten und technischen Daten sein muss. Im besten Fall geht es darum, die Technik zwischen Aufnahme und Wiedergabe so weit zurücktreten zu lassen, dass die Musik wieder in den Mittelpunkt rückt.

Die Mastercut-Editionen bewahren historische Aufnahmen auf einem außergewöhnlich direkten analogen Weg. Die Live Recordings halten unwiederholbare musikalische Momente fest. Die Förderung junger Talente wiederum sorgt dafür, dass Musikkultur nicht nur konserviert, sondern auch weiterentwickelt wird.

Am Ende verbindet alle drei Bereiche eine gemeinsame Idee: Musik ist mehr als ein Produkt. Sie kann Menschen berühren, Erinnerungen auslösen, Entspannung schaffen und eine Gemeinschaft entstehen lassen.

Genau darin liegt die eigentliche Bedeutung von PURE SOUND.

Dieser Beitrag basiert auf Folge 0151 des Vinyl & … Podcasts mit Jan Hildebrandt und Anna Siewert von Burmester.

Shop: https://recordings.burmester.de/de?srsltid=AfmBOop1QycUDs0cQ9GuMWSydJuNG59gGQcSFMd1J6DOsnrwWhXP-_O5